Dienstag, 19. Oktober 2010

Tagebuch #02: Papergirl trägt die Kunst zu Grabe

Recht früh zu Beginn unseres Projektes erreichte mich eine Mail von Frau N. (Name geändert). Frau N. fragte mich, ob es möglich sei die abgegebenen Sachen auch wieder abzuholen. Frau N. hatte wohl unsere Projektbeschreibung nicht gelesen.

In meiner zuvorkommenden Art antwortete ich Frau N., es sei leider nicht möglich seine Werke wieder zu bekommen, da es ja Herzstück des Projektes sei die Sachen zu rollen und in einer abschließenden Verteilaktion an zufällige Personen zu verschenken. Frau N. war von dieser Idee nicht begeistert. Das Projekt würde Leuten Kunst hinterherwerfen und generell werde Kunst überall so stark entwertet, dass Künstler und Künstlerinnen von nichts mehr leben könnten. Frau N. unterstellte weiter, dass wohl niemand ein "richtiges Kunstwerk abgeben" werde.

Liebe Frau N. -  Vielen Dank für diesen anregenden E-Mail Verkehr. Rückblickend zeigen die eingereichten Beiträge in unseren Augen, dass ausschließlich "richtige Kunstwerke" eingereicht worden sind. Aber vielleicht liegt das im Auge des Betrachters. Vielleicht müssen für einige, die sich selbst "Künstler" nennen "richtige Kunstwerke" immer noch in elitären Galerien hängen und zu Preisen erwerbbar sein, von denen andere Menschen Monate lang leben. In meinen Augen ist Kunst in erster Linien von den Menschen für die Menschen. Das Papergirl-Projekt versucht Menschen näher an die Kunst zu führen, in dem es selbst auf die Menschen zugeht und damit Hemmschwellen überwindet. Hemmschwellen die Frau N. vielleicht auch eines Tages überwinden wird.

Was haltet ihr von der Kernidee des Papergirl-Projektes, Kunst ungefragt an zufällige Personen zu verschenken? Kommunikativer, unkonventioneller Schritt zur Überwindung von Vorurteilen oder doch der Anfang von Ende der Kunst?

Diskutiert mit! Eure Meinung ist uns wichtig!

Kommentare:

Andre hat gesagt…

Ich finde gerade eure Idee Kunst zu verteilen und damit Aufmerksam zu erzeugen spannend. Dadurch kommen auch Leute mit Kunst (und Kultur) in Kontakt, die sonst nie darauf aufmerksam würden.

Im (sicherlich seltenen) Glücksfall erreicht ein Künstler damit eine Person, die den Stil einfach nur grandios findet und deshalb in Zukunft zum Kunden wird.

Frau N. hat gesagt…

Hallo Herr/Frau Unbekannt!

Hier schreibt Frau N. (Name geändert).

In der Tat, ich hatte die Projektbeschreibung nicht gelesen und dachte, Ihr scannt die Sachen und druckt sie. Da hätte ichs durchaus doof gefunden, die Sachen nicht wiederbekommen zu dürfen.

Dennoch, ich stehe zu meiner Meinung, Kunst dürfe nicht soweit entwertet werden, dass sie Passanten auf der Straße hinterhergeworfen wird. Das passiert in übertragenem Sinne schon viel zu oft.

Ich stimme absolut zu, dass die Kategorisierung "richtiges Kunstwerk" im Auge des Betrachters liegt. Das Vorurteil über "Künstler" in Anführungszeichen und elitäre Galerien gefällt mir nicht. Es gibt dazwischen – man staune – Menschen, die versuchen, von einer kreativen Tätigkeit fernab des Kommerz zu leben. Es muss etwas zwischen "umsonst" und "Mehrmonatsgehaltspreis" geben.

Sich unter Wert zu verkaufen, finde ich sehr ungut. Über Wert genauso. "Wert" lässt sich allerdings zum einen weder monetär beziffern noch kann er objektiv gemessen werden. Spätestens nach Ende der Studentenzeit merkt jeder, dass Umsonst-Arbeit oder Billigstarbeit von Berufskollegen, sei es über Referenzen-Sammlung oder über Praktika, einem das Leben sehr schwer machen kann.

Den Schlusssatz von Andre finde ich sehr wünschenswert! Und weil die Arbeiten ja mit dem Urhebernamen versehen werden dürfen - was mir zu Beginn der Mailfreundschaft nicht klar war - ist die ganze Hinterherwerferei ja doch ein marketingtaktisches Event und nicht total für die Katz. Zu hoffen bleibt auch, dass die Beworfenen näher an die Kunst geführt werden.

Hoffentlich werde ich nicht missverstanden. Ich bin recht ungehemmt, möchte ich zuletzt sagen.

So, genug geschwafelt. Bis nächste Woche im G1/4!

Frau N. (Name geändert)

Anonym hat gesagt…

der punkt ist:
kunst taucht nach dem papergirl-verfahren nicht illegal in der öffentlichkeit auf und läuft auf diese weise nicht gefahr als sachbeschädigung o.ä. zu gelten.
papergirls fassen das projekt in der regel nicht als marketingwerkzeug auf. hierzu ist papergirl wenig geeignet. es geht um spass an der freude, nicht nur beim herstellen der arbeiten sondern auch beim herzeigen und vor allem (!!) beim verteilen. ich freu' mich schon sehr!